Galerie Gisèle Linder
Galerie Gisèle Linder GmbH
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"Shifting Perspectives"
8.9. - 20.10.2018

Manon Bellet

Ich habe das Gefühl, man könnte durch die Welt gehen und alles unendlich intellektualisieren. Aber es gibt auch eine stille, eher passive Absorbierung, die einen mit den eigenen ursprünglichsten Instinkten und Empfindungen verbindet. Auch innerhalb der intellektuell etablierten Parameter der Kunstbetrachtung findet vieles im Unterbewusstsein statt – und genau das ist für mich der essentielle Punkt. In meiner Arbeit möchte ich eine Bühne schaffen, auf der sie in diesem Bewusstsein gelesen werden kann. (Manon Bellet, 2018)

Die Werkkomplexe von Manon Bellet geben einen kleinen Einblick in ihre künstlerischen Experimente. Alles erscheint wie eingefroren und dabei paradoxerweise in ewiger Bewegung. In der Malereiserie Sunfast offenbart uns die Künstlerin durch den Gebrauch von thermochromem, temperaturaktiviertem Pigment auf Leinwand einen chemischen und thermischen Prozess, der allein durch die Wärmeeinwirkung der Sonne auf der Oberfläche sichtbar beziehungsweise unsichtbar wird. Langsam verändert sich die Arbeit vor unseren Augen, sie lebt und überlebt unter der Hitze, was dem Werk einen existenziellen Aspekt verleiht, der in seiner konstanten, perpetuellen Veränderung mit unserer eigenen gefährdeten Umwelt korrespondiert.

In einer zweiten Serie mit dem Titel Capture präsentiert die Künstlerin eine Reihe von Ferrofluid-Zeichnungen auf Glas. Diese Flüssigkeit wird durch Einwirkung eines externen magnetischen Feldes magnetisch aufgeladen. Allein durch den Kontakt der Flüssigkeit mit einem Magneten entstehen sehr organische und äußerst zarte Zeichnungen, wie sie unmöglich mit der bloßen Hand hervorzubringen wären. Einmal mehr offenbart uns Bellet hier mithilfe einer Chemikalie einen magischen Prozess. In L’O Perdue schließlich überlässt uns die Künstlerin einer sinnlichen Geruchserfahrung.
L’O Perdue ist eine olfaktorische Arbeit, die in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Parfümeur Andreas Wilhelm produziert wurde. Hauptbestandteil des Duftes ist das Extrakt von Erde aus einer Sumpfgegend nach einem heftigen Gewittersturm. Der Duft wurde im Herbst 2017 in New Orleans, USA hergestellt, wo die Künstlerin derzeitig lebt.

In New Orleans und im Staat Louisiana werden nach Einschätzung der Vereinten Nationen zwischen 50 und 200 Millionen Menschen, die meisten von ihnen leben von Landwirtschaft und Fischerei, bis 2050 aufgrund des Klimawandels ihren Lebensraum verlieren. Die klimatischen und ökologischen Prognosen sagen voraus, dass ein Teil der Stadt New Orleans in den nächsten 70 Jahren verschwunden sein wird. Die Gegenden, die die Künstlerin für die Gewinnung der Duftessenz ausgewählt hat, richten sich nach dem Grad ihrer Gefährdung durch Umweltzerstörung. Die Arbeit lädt den Rezipienten zu einer intimen, sensorischen Begegnung mit einem Ort ein, der schon bald verschwunden sein wird.

Die Arbeit ist als work-in-progress angelegt – bis 2020 soll die Serie aus 20 verschiedenen Extrakten bestehen. Es ist gut möglich, dass diese Extrakte eine letzte Erinnerung an die verschwundenen Lebensräume sein werden.

September 2018


Clare Kenny

Ein T-Shirt liegt auf der Straße, Schuhe baumeln über einer Leitung, Ballons liegen zertreten am Boden, eine Unterhose hängt im Gebüsch. Es sind flüchtige Szenen aus dem Alltag, die auf den ersten Blick banal erscheinen, weil sie so geläufig sind, auf den zweiten Blick irritieren und verstören sie. Die Türe zu einem Assoziationsraum voll Freude und Leid, Trauer und Euphorie, Liebe und Angst wird aufgestoßen. Clare Kenny ist durch die Straßen des Viertels Bushwick in New York City flaniert und hat ihre Beobachtungen in Gips gegossen zurück mit in die Schweiz genommen. Ihre Reflexion setzt sie, tausende Kilometer vom Fundort entfernt, fort. Sie hält geschickt die Balance zwischen Ironie und Beunruhigung, indem sie ihre Gedanken ausspricht: „All I got was this lousy t-shirt“, „Breathless“, „Step on you again“, „Brief encounters“, „Running joke“. Sie friert die Momente ein, stellt Kopien der Objekte her, taucht sie in Farbe und überlässt es dem Betrachter, einen Standpunkt zu finden, der vielleicht nah an der Wirklichkeit ist, der vielleicht aber auch weit entfernt und damit Fiktion ist.

Clare Kennys Interesse gilt der Fotografie und dem Spiel mit Materialien, ein fotografisches Abbild zu schaffen, das sich an der analogen Arbeitsweise orientiert, also dem Arbeiten mit den Händen. Eine Kopie des Objekts entsteht mit dem Objekt selbst. Skulptural stellt sie ein Abbild her, das zwischen Zwei- und Dreidimensionalität changiert, das eine Fotografie sein könnte, sich aber als plastisches Objekt zu erkennen gibt.

Clare Kenny brachte von ihrem sechsmonatigen Stipendienaufenthalt in New York City zwei weitere Werkgruppen mit. Das erste Mal seit zwanzig Jahren hat sie wieder eine Dunkelkammer betreten, um die Grenzen des Mediums Fotografie auszuloten. Ein fleckiger Vorhang in ihrer Wohnung, Dinge aus dem Dollar Store und Säcke auf der Straße dienen ihr dazu, das fotografische Motiv aus dem Rahmen zu lösen.

Anika Meier, September 2018