Galerie Gisèle Linder
Galerie Gisèle Linder GmbH
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Serge Hasenböhler „One and One“
25.05 - 13.07.2019

Am Anfang ist das Einzelne. Serge Hasenböhler isoliert mit der Kamera Situationen und macht Fundstücke aus. Baustellen in der Umgebung seines Ateliers bieten sie ihm an: Isolations- oder Verpackungsmaterial, Überbleibsel von Verpflegungspausen, eine Wasserspur auf dem Bodenbelag, vom Zufall behauenes Holz. Manche Entdeckungen am Rand von Aushub und Rohbau haben über Monate den Weg gefunden ins eigene Bildlabor. Freigestellt vor schwarzem Grund, wird die beiläufige Gegenständlichkeit im Atelier verfügbar für die freie, durchaus spielerische Kombinatorik. Grössenordnungen verschieben sich, Holz und Styropohr nehmen den Charakter autonomer Plastiken an. Unter dem blau gefassten Brettchen mutiert der fast quadratische Schnitt durch ein Balkenholz zur Dose mit Deckel oder zum Modell einer schlichten Architektur.

„One and One“ ist Addition, ist Spiegelung und Drehung. Im digitalen Arrangement lässt Hasenböhlers Bausatz auch das Unwahrscheinliche zu. Wie ein Scanner gleitet unser Blick über die Prints; beinahe immun gegenüber Ungereimtheiten von Licht und Schatten registrieren wir Farbe, Maserung und Reliefs. Wir folgen den Gruben und Höhen, die auch das Volumen der Hand nachzeichnen. Diese hält. Sie stützt. Sie balanciert. Vor allem im Duo ruft sie den Körper des Künstlers in Erinnerung. Einmal Zauberer, einmal Jongleur, immer Experimentator, bestimmt er die Proportionen seines haptischen Vokabulars, er dosiert oder strapaziert jede Stapelung und Reihe. Hasenböhlers Fotografie überlistet die Schwerkraft, führt – eins plus eins – Protokoll über unser Vertrauen in Balance, Gewicht und deren Wechselwirkungen. Ganz nah an der Sache und doch an der Grenze des physikalisch Nachvollziehbaren, löst sie Spekulationen aus und rührt an Themen, die die moderne Kunst seit jeher dreht und wendet: Die Suche nach Harmonie und Gleichgewicht beflügelt utopische Konstruktionen, das „Equilibre“ wird zur Metapher, wenn in Gefahr.

Hasenböhlers Arbeit mit dem Labilen ist nicht neu. Der Künstler hat schon Muscheln, Blumen oder Schmetterlinge herangezogen, um sein Medium, das fotografische Bild, in der Schwebe zu halten. „Fallstudien“ waren es: Beim Eintauchen von Naturalien in einen flüssigen Bildgrund vermischte sich die Sensation von Farbe und Form mit der Frage nach ihrem durch und durch künstlichen Ort. Da, wo sich nun ein Inventar an Klötzchen lose über die Fläche verteilt, sieht man erneut, wie sich analog und digital, das Haptische und seine Simulation, Dynamik und Stillstand die Waage halten: Dem Sprengsatz an Elementarteilchen ist keine Explosion vorausgegangen. Er verteilt sich über das Hochformat wie die verlässlich errechnete Streuung der Pixel von Bildschirmschonern aus der Frühzeit unserer PCs. Alles Ordnen ist ein Versuch. Und eine Hommage ans Einzelne im Ganzen.

Isabel Zürcher, Mai 2019