Galerie Gisèle Linder
Galerie Gisèle Linder GmbH
Elisabethenstrasse 54
CH-4051 Basel
Tel +41 61 272 83 77

English

Français

 


Luo Mingjun «En scène»

Nach mehreren Ausstellungen in der Galerie Gisèle Linder, deren Fokus die Malerei war, ist es ihre Rückkehr zur Zeichnung, die die jetzige Präsentation charakterisiert. Obwohl sie seit vielen Jahren mit Feder und Tinte oder Bleistift zeichnet, hat die Künstlerin erst kürzlich damit angefangen, Zeichenkohle zu verwenden, um grössere Werke zu schaffen: viele der Zeichnungen sind 100x70cm gross. Die viel schneller anwendbare Kohle gibt ihr nicht nur eine kreative Energie, sondern auch eine grössere Freiheit als andere Materien, da sie ihre Hand brauchen kann, um die Textur zu ändern oder sie teilweise zu löschen.

Luo Mingjuns Erforschung dieses neuen Mittels zeigt auch, wie ihre Art sich der Kunst zu nähern, sich geändert hat; sie neigt insbesondere dazu, ihren Instinkten bereitwilliger zu folgen als in der Vergangenheit. Im Vergleich zu ihren früheren Tinten- oder Bleistift-Zeichnungen, welche ungemein beherrschte und präzise Interpretationen von Familienporträts oder Alltagsgegenständen waren, sind diese neuen Werke expressiver und kraftvoller. All diese Bilder beruhen auf von der Künstlerin selbst gesehenen und miterlebten Situationen, die sie fotografisch festgehalten hat. Einige, wie zum Beispiel der Vogel im Baum, sind mit Zärtlichkeit gezeichnet, aber unpersönlich. En scène jedoch, der Titel der Ausstellung, betont Luo Mingjuns Auffassung von ihr selbst, als von jemandem, der eine Rolle spielt, indem das Autographische eine Bühne ist, auf der sie ihr vergangenes und ihr jetziges Selbst projiziert. Dies ist vielleicht am Offensichtlichsten in der langen Zeichnung ihrer Klasse in der Kunstakademie oder dem Porträt der Familie der Künstlerin, wo Mao im Zentrum hinzugefügt wurde. Es weitet sich aber auch auf die Erkundung neuer Wahlmöglichkeiten aus, sowohl was die Thematik als auch deren Bearbeitung betrifft.

Ein Schlüsselaspekt von Luo Mingjuns Verwendung von Kohle ist ihre Bearbeitung des Lichts. Das reiche, dichte Schwarz der Kohle schafft eine Vielfalt von Lichteigenschaften, von der fast mystischen Dunkelheit des Himmels, der die Aufmerksamkeit einer Gruppe von hinten gezeichneten Figuren auf sich zieht, bis zur einzelnen hell leuchtenden Glühbirne. Die Einsamkeit einer an einem Lesepult stehenden Frau wird betont durch das sanfte Leuchten des Lichtes, das sie auf seltsame Weise unwirklich macht, während der Schatten der mit den Worten BorderLine Suisse markierten Flasche, den Massstab dieses einzigen Gegenstandes im grossen leeren Raum unterstreicht. In einer weiteren Zeichnung, einem Spiel von Positiv und Negativ, ist eine Gruppe von Figuren so dicht zusammengedrängt, dass ihre schwarzen Formen gegen den neutralen Hintergrund an Silhouetten von Scherenschnitten erinnern.

In diesen neuen Werken ist eine Schlichtheit, die Ruhe und Frieden ausstrahlt. Als Kontrast zu den Kohlenzeichnungen wird in delikater blau-grauer Wasserfarbe auf neun Blättern dieselbe chinesische Familie dargestellt, die mehrmals in der Ausstellung auftaucht. Mit einem Minimum an Pinselstrichen werden die Umrisse der Figuren gerade genug angedeutet, dass man das Bild lesen kann. Zeichnungen eines Olivenbaumes, Zweige im Schnee oder die nüchternen Formen von Antennen gegen die Wolken sind sowohl von Schlichtheit als auch von einer klaren Perspektive geprägt.

Diese neue Schlichtheit tritt auch in einer kleinen Anzahl von Ölgemälden in der Ausstellung hervor. In diesen verwendet Luo Mingjun beinahe neutrale Schattierungen von grau-weiss auf jeder unbehandelten beige-grünen Leinwand, um das Meer, einen kleinen dunklen, in Negativ gemalten Baum oder einen blühenden Magnolienbaum in der Abenddämmerung anzudeuten. Auch diese Werke sind reine Impressionen ihres Sujets, als schwebten diese über die Leinwandoberfläche hinweg. Die Kunst der Künstlerin, die ihr realistisches Sujet auflöst und es gleichzeitig als Aussage in Farbe wiedererfindet, wurde von ihr über viele Jahre entwickelt. In dieser Ausstellung En scène, wendet Luo Mingjun dies auf das Autobiographische an und sie schöpft daraus die Freiheit, um sich Spiel und Traum vorzustellen.
Felicity Lunn, 5.2018
Translation : Liliane Vindret