Galerie Gisèle Linder
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Werner von Mutzenbecher – "Volée"
02.09. – 15.10.2022

Eröffnet wird die Ausstellung zu Werner von Mutzenbechers jüngster Arbeit von zwei aufeinander folgenden Grossformaten im rechten Galeriebereich. Eine sich in unterschiedlicher Ausrichtung wiederholende Dreiecksform ist hier scheinbar willkürlich, dann aber doch einer gespiegelten Ord-nung folgend in ein vorgezeichnetes Rastersystem gesetzt. Durch die fliegend verteilten Bildele-mente an einen Vogelschwarm erinnernd verleihen die beiden Gemälde sowohl der Ausstellung ihren Titel "volée" (franz. Vogelschwarm) und stehen zugleich für eine neue Etappe in Werner von Mutzenbechers Werk: Arbeitete er bisweilen mit mächtig wirkenden Formgebilden, überrascht er diesmal durch Mut zur Lücke mit der Leichtigkeit seiner Bildsprache. Indes treibt er seine Formkre-ationen wortwörtlich auf die Spitze, indem er dort, wo Spitz auf Spitz trifft, beinahe halsbrecherisch eine neue Art von Dynamik schafft.

Regelmässige Wechsel charakterisieren Werner von Mutzenbechers Werk, welches Arbeiten aus den Bereichen Malerei und Zeichnung, sowie Fotografie, Film, Video und Text umfasst und derzeit mit einer Werkauswahl aus den letzten 60 Jahren im Kunsthaus Baselland präsentiert, wie auch in der neu erscheinenden Monografie dokumentiert wird. Es sei wichtig – so Werner von Mutzenbe-cher – den Blick nach vorne zu richten und sich immer wieder neu in Unruhe zu versetzen. Eine Unruhe, welche sich in seinem Werk durch das Erproben immer neuer Herangehensweisen mani-festiert. Als Beispiel dazu der für die Sonderedition dieser Ausstellung verwendete Linoldruck – ein für den Künstler brachgelegtes Handwerk, nun als reproduzierbare Technik für das Ausloten gestalterischer Möglichkeiten genutzt.

Wiederkehrend in seinem Werk sind geometrisch aufgebaute Formelemente in reduzierter Farbpa-lette aus Schwarz, Weiss, Rot oder Blau. Die Neu(er-)findung ist dabei wichtiger Bestandteil des Gestaltungsprozesses: Auf quadriertem Papier beginnt Werner von Mutzenbecher einfache, geo-metrische Formen durch Verschiebung, Spiegelung, Überlagerung oder Drehung zu wandeln. Mal einem klar definierten Konzept folgend, dann wieder mit dem Zufall spielend entstehen neue Formgebilde. Stets auf ein kompositorisches Gleichgewicht bedacht, lässt Werner von Mutzenbe-cher Grund und Gegenformen in einen dynamischen Diskurs treten. Ohne die abstrakte Formsprache zu verlassen, nutzt er deren inhaltliche Mehrdeutigkeit, um bereits mit kleinen Abwei-chungen vielseitige Assoziationen zuzulassen; so wird die Spitze zum Schnabel, das Dreieck zum Flügel und die monochrome Farbfläche lässt - wie vom Titel suggeriert - an einen Vogel erinnern.

Das Vergrössern der Vorstudie auf Leinwand umfasst eine Breite an Arbeitsschritten, die zeigen, wie wichtig dem Künstler das Aktivieren handwerklicher Fähigkeiten ist: vom Zusammensetzen des Keilrahmens, zum Schneiden und Bespannen der Leinwand, hin zur Grundierung und Vorzeich-nung. Der Farbauftrag geschieht - sofern das Motiv es zulässt - an einem Stück. Werner von Mut-zenbecher legt seinen Arbeitsprozess offen, indem er auf eine zweite Grundierung verzichtet, mit Korrekturen sparsam bleibt und auch das mit Bleistift vorgezeichnete Hilfsraster sichtbar stehen lässt. Damit verweist er nicht nur auf Materialeigenheiten, die sein analoges Vorgehen in einer digitalen Welt behaupten, sondern macht beinahe performativ die mit der Pinselführung einherge-hende physische Bewegung sichtbar.

Ein Bild fertigzustellen sei – so Werner von Mutzenbecher - als habe er eine Mathematikaufgabe gelöst. Doch beginnt dort, wo für den Künstler die Aufgabe gelöst scheint, das Rätseln für Be-trachtende. Klare Formensprache und offengelegter Arbeitsprozess laden dazu ein, nach Ge-setzmässigkeiten zu suchen, die einen das Bild als Gesamtes verstehen lassen.
Damit lässt sich der Bogen zum Vogelschwarm schliessen, der ebenfalls auf geheimnisvolle Weise einer übergeordneten Gesetzmässigkeit folgend zu funktionieren scheint. Werner von Mutzenbe-cher schafft ein Bild, das über die formale Assoziation zum fliegenden Motiv hinweg den Blick selbst zum Fliegen bringt: Von einer Form über die Bildfläche zur nächsten, sich an kurzzeitig fassbaren Formationen festhaltend, dann wieder sich in den Tiefen der Bilddistanzen verlierend.

Lena Stockmeyer, August 2022