Galerie Gisèle Linder
Galerie Gisèle Linder GmbH
Elisabethenstrasse 54
CH-4051 Basel
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Christoph Eisenring – Gleichzeitger Raum
Basel, 3.11.18 - 8.1.19


Christoph Eisenring geht in seiner künstlerischen Arbeit stets vom Faktischen aus. Der Künstler interessiert sich für die spezifischen Grundbedingungen eines Kunstwerks und untersucht diese auf präzise und vielschichtige Weise. Sein Interesse gilt gleichsam den formalen Elementen eines Bildes wie auch dessen zeitlichen, räumlichen und inhaltlichen Aspekten. Form und Inhalt werden ineinander verschränkt und durch seine Art der Befragung eines Werkes legt er häufig sein Augenmerk auf die Aussenränder, auf die Grenze des Sichtbaren. Eisenring zwingt den Betrachter seinen Blick zu schärfen und schliesst gleichzeitig diesen selbst in seine künstlerische Befragung mit ein.

In seiner dritten Ausstellung in der Galerie Gisèle Linder zeigt Eisenring eine Installation mit dem Titel Gleichzeitiger Raum. In Schaufensternähe sind rund 200 zerschlagene Sanduhren rasterförmig positioniert. Den Stundengläsern wurde der Inhalt entfernt. Der fehlende Sand, der einst dafür da war Zeit visuell sichtbar zu machen und diese zu messen – ist stattdessen an die Innenseite des Schaufensters der Galerie appliziert. Diese materielle Verschiebung nimmt beidem ihre natürliche Funktion. Die Uhr ist quasi zum Stehen gekommen und ist nunmehr ein dünnwandiges – rein ästhetisches – Glasobjekt geworden. Die heftige Destruktion ist den einzelnen scharfkantigen Elementen zwar unmittelbar anzusehen, dennoch oder vielleicht gerade deshalb wirken die Objekte äusserst fragil. Nähert man sich der Galerie von der Strasse herkommend, so hemmen die beschichteten Schaufenster den Weitblick ins Innere der Galerie. Man bleibt stattdessen mit dem Blick an der Oberfläche haften. Die Glasscheiben wirken als Grenzlinie zwischen Aussen und Innen. Der Raum und seine Grenzen werden akzentuiert, der Grundriss der Ausstellungsfläche wird im Rauminnern „gezeichnet“. Zudem verweist das mit Quarzsand beschichtete Glas auf seine eigene Materialität – das Ausgangsmaterial der Fensterscheiben wird enthüllt. Die Aufdoppelung des Rohstoffes bewirkt zudem, dass das Licht an der rauen Oberfläche bricht und den Raum in ein samtig weiches Licht tauchen lässt. Dies vermag die Betrachterin in einen schwerelosen und diffusen Zustand zu versetzen, der manche als zeitlos formulieren würden. Auf der Terrasse der Galerie ist ferner eine Fotografie einer Sanduhr zu sehen, wobei das Motiv auf den Kopf gestellt ist. Es scheint just der Moment eingefroren, in dem die Sanduhr umgedreht wurde, und die Zeit zu messen beginnt. Der Betrachter ist versucht, gedanklich den dynamischen Prozess, der von der Gravitation in Gang gesetzt wird weiterzudenken oder aber er begreift das gezeigte Bild als ein Objekt mit den ihm eigenen Gesetzmässigkeiten.

Gleichzeitiger Raum ist eine vielschichtige visuelle Befragung von Form, Funktion, Zeit und Raum. Die Arbeit ist wie oft in Eisenrings künstlerischer Praxis radikal angelegt. Scheinbare Gegensätze werden miteinander verschränkt und treten als gleichzeitige Phänomene auf. Eisenring lässt im Werk immer das „sowohl als auch“ gelten. Diese paradoxen Eigenschaften lassen visuell und intellektuell einen anspruchsvollen und reizvollen Diskurs entstehen, der über den Raum hinausgetragen werden kann.

Simona Ciucco, November 2018


Nicole Miescher
Sibirien - Am ewigen Rand der Welt.
3.11.2018 – 8.1.2019

„Überhaupt“, bemerkte Fjodor Dostojewski in seinen Aufzeichnungen aus dem Totenhaus in den 1850er Jahren, „ist es ein gesegneter Boden. Und in Sibirien weiss man ihn zu nutzen.“ Es ist der Schlusspunkt einer romantisch anmutenden Beschreibung dieser gewaltigen Landschaft, die flächenmässig grösser als China ist und beinahe dreiviertel des russischen Staatsgebietes ausmacht. Im Westen hält sich ein eher gegenteiliges Bild Sibiriens: zaristische und sowjetische Straf- und Arbeitslager, verbannte politische Gegner, klirrende Kälte, öde Landschaft, das Ende Europas. Die Basler Künstlerin Nicole Miescher reiste Mitte der 1990er Jahre, fünf Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion, nach Sibirien und hielt ihre Eindrücke und Beobachtungen fotografisch fest. In klirrender Kälte spürte sie in Angarsk und am Baikalsee dem Charakter der schneebedeckten Landschaft und ihrer Bewohner nach: leere Strassen, vereinzelte Autos, verwaiste Fussballfelder auf dem vereisten Baikalsee, beissende Winde, Kälte, Einsamkeit, Entbehrung. Es entsteht sicherlich nicht der Eindruck eines „gesegneten Bodens“ wie Dostojewski im 19. Jahrhundert schrieb, aber auch nicht der einer hoffnungslosen Verlassenheit. Die Bildkompositionen, die auf raschen Entscheidungen basierten, besitzen einen unverwechselbaren Stil. Sie sind einerseits Dokument, andererseits aber durch ihre poetische Stille auch Ausdruck von Verletzlichkeit und Fragilität. Die Fotografien besitzen eine Unmittelbarkeit und Ursprünglichkeit und demonstrieren eine Zeitlosigkeit und unvergängliche Aesthetik. Zugunsten einer unverfälschten Wiedergabe des Charakters der Arbeiten, fiel die Wahl der Druckunterlage auf Zeitungspapier. Die Fotografien werden in der Ausstellung bei Gisèle Linder erstmals als Gruppe gezeigt.

Dominik Müller
Oktober 2018