Galerie Gisèle Linder
Galerie Gisèle Linder GmbH
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Andrea Wolfensberger – Naturstudien
21. März bis 15. Mai 2021
Ringförmig, als Blume, Stern oder ovales Netz, aber auch in kristallinen Nadeln bilden Pilze ihre Zellen aus. Dass Andrea Wolfensberger ein Auge hat für das vielfältige Bild wachsender Myzele, kommt nicht von ungefähr. Seit Jahren befasst sie sich mit der Phänomenologie natürlicher Bewegungen, deren eigengesetzlichen Rhythmen und inneren Struktur. So sind die sogenannten Soundwaves digitaler Aufzeichnungen in ihrem Atelier zur Partitur geworden. Wolfensberger entlässt den Ton aus der Enge linearer Deutungsmuster, um ihm Körper und Raum zu geben. Die Beobachtungen, die die Künstlerin vermisst, rekonstruiert und ausgewählten Materialien anvertraut, verwandelt sich vor unseren Augen in eine andere Natur.

Versteckt sich nicht im Wespennest eine Baustruktur von vorbildlicher Stabilität und Durchlässigkeit? Ist nicht die Bienenwabe ein Prototyp für Hülle und Kern zugleich? Es sind Fragmente solch gegebener Naturgehäuse, die sich Andrea Wolfensberger mit viel Handarbeit zu eigen macht. Der Faserzement mit seinem inneren Wellengang kommt ihr bei der Vergrösserung entgegen, gibt er doch jeder Höhle und jeder Ausbuchtung seine eigenen Öffnungen mit. Je nach Schnitt durch dieses industriell hergestellte Material und je nach Perspektive unseres Blicks zeigt sich ein «Wespennest» eher als Schale oder als Netz. Je nach Standpunkt sehen wir in der «Chaoswabe» ein Ergebnis erodierender Winde oder den Anfang und Nukleus eines Wachstums, das erst begonnen hat. Auch die von Tonaufnahmen hergeleiteten Plastiken sind von der Binnenstruktur ebenmässiger Kurven gezeichnet. Alles ist Rhythmus und. Puls im geschichteten Wellkarton, bietet sich als Wabe an, als vibrierende Textur oder als ein in scharfe Spitzen auslaufendes Gerüst. Positiv und Negativ, Werden und Vergehen, Kommen und Gehen greifen versöhnt ineinander.

Auch in der Wiedergabe von Myzele überlässt Wolfensberger die Materialität keinem Zufall. Hochwertiges Silber stabilisiert das organische Wachstum. Wobei der Wechsel von oxidierten und hell glänzenden Verstrebungen den Blick nie ganz ruhen lassen will. Im Bienenwachs bleiben die filigranen Strukturen in der Schwebe zwischen flüssig und fest. Den Blick durchs Mikroskop in eine Petrischale – dem kleinen, gläsernen Träger von Mikroorganismen für den Blick durchs Mikroskop im Labor – beantwortet die Künstlerin mit der Wiedergabe eines geknüpften Teppichs. Hier ist das «Growing Mycelia» zur Topographie ausgewachsen, zu einem Territorium und seinen brüchig zum Meer auslaufenden Rändern. Und während die Kunst die Beweglichkeit von Körpern, das Hin und Her von Stimmen oder das Auf und Ab von Wellen zur Grundlage hat, nimmt sie mikro- wie makrokosmische Gesetze in sich auf.

Wolfensbergers «Naturstudien» treffen hier auf Werke von Alfonso Frlatteggiani, von Marcia Hafif, Nicole Hassler, Joseph Marioni und Rémy Zaugg. Dabei gehen Malerei und Plastik ein Bündnis ein. Sie beide sind mit den Grundlagen von Wahrnehmung befasst; beide speichern ein Wissen um die Zusammenhänge zwischen Material, Körper, Klang, und beide geben dem Blick zu denken.

Isabel Zürcher, Februar 2021