Galerie Gisèle Linder
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Werner von Mutzenbecher: „turn around“
23. März bis 11. Mai 2019

Der Ausstellungstitel „turn around“ steht programmatisch für das jüngste Schaffen von Werner von Mutzenbecher (*1937). Nachdem 2018 in der Ausstellung im Kunstraum Riehen „Spiegelungen“ im Vordergrund waren bringt der Maler neu Drehungen ins Spiel und lotet damit die Beziehung zwischen Format, Figur und Grund auf eine neue spannende Weise aus. Waren die Spiegelungen eher achsen- und bildrandparallel, damit auch statisch angelegt, wird die Komposition jetzt vermehrt durch Diagonalen in Bewegung versetzt. Drehung als künstlerische Strategie ist nicht nur ein universales Gestaltungsprinzip, das sich in der Kunst antiker Kulturen finden lässt, sondern auch Teil einer Bildsprache, die ihre Wurzeln in konstruktiven oder suprematistischen Bildschöpfungen in Russland und Europa am Anfang des 20. Jahrhunderts hat. Drehungen dynamisieren den Bildraum, verbinden und variieren die Ausrichtung von Formen und verführen auch den Blick und das Denken zum Kreisen.

Wie abgelöste Fragmente eines monumentalen Welt-Ornaments, in eine zeitgenössische Form gegossen, treten die neuen Bilder von Werner von Mutzenbecher in Erscheinung. Sie verwandeln sich in rote Brandmale oder verlöschen als schwarze Zeichen. Die Farbgebilde erscheinen auf einem subtilen Raster aus Bleistiftlinien, der die Bildgenese erfahrbar macht. Ob in monochromen Flächen oder als komplexe Liniengefüge gemalt, eine Herausforderung fürs Auge ist darin angelegt und lässt die Werke zu Wahrnehmungstafeln werden.

In unzähligen Zeichnungen auf quadrierten Papieren hält der Künstler sein Ideen fest, die in Mappen gesammelt, das Fundament für neue Kompositionen bilden. Spielerisch und analytisch zugleich entstehen Kompositionen, die auf wenige Vorgaben reduziert sind. Der Überschneidung, Spiegelung, Schiebung und Drehung von Flächen und Linien, entspringt eine Vielfalt an neuen Gebilden. Die Form ist nicht festgelegt vielmehr generiert sie sich im Zeichnungsprozess, um später in der Vergrösserung auf der Leinwand eine neue Präsenz zu erfahren.

Dabei fügt sich dieser schier unerschöpfliche Strom an Entwürfen schlüssig in den Gesamtkontext des Oeuvres von Werner von Mutzenbecher ein, das seit den 60iger Jahren auf einer geometrischen Formensprache aufbaut. Dazu gehören auch die jüngst entstandenen Kleinformate auf Packpapier, gefaltet, geschnitten und bemalt. Das bildnerische Vocabular hat sich in den fast 60 Jahren vereinfacht, die frühen Raumkomplexe sind verschwunden zugunsten einer vermeintlich flächigen Darstellung. Vielleicht sind die neuen Bilder noch radikaler in ihrem Grundtenor. Oft sind es noch gerade zwei gleiche Formen, die versetzt, in neuen Konglomeraten auftauchen. In ruhiger Symmetrie oder durch ein Wechselverhältnis ungleicher Werte in Bewegung gesetzt, werden sie zum energetischen Gegenüber, das Sehen und Denken zur sinnlichen Einheit verschmilzt.

Iris Kretzschmar lic. phil. März 2019