Galerie Gisèle Linder
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Böse Buchpapierblumenbilder

Zum Zyklus „Les Fleurs du Mal“ von Peter Wüthrich 23.1. – 6.3.2021

Der erste Satz ist für Peter Wüthrich, der in einem seit langem geplanten Zyklus erste Sätze aus Werken der Weltliteratur sammelt: Am Anfang war das Buch.
Und mit Büchern schuf der Künstler einen Buch-Kosmos, von malerischen rötlich schimmernden Buch-Bodeninstallationen zu Kürzestbildgeschichten um Freude, Sex und Tod, von Gespinsten mit Buchbändeln zu literarischen Apotheken bis hin zu Büchern, die Menschen im wahrsten Wortsinn beflügeln.
Nun hat Peter Wüthrich einen neuen Band seines mittlerweile immensen Bibliotheken-Werks aufgeschlagen. Mit den aktuellen Bildern zum Gedichtzyklus Les Fleurs du Mal von Charles Baudelaire findet der Buch-Künstler wiederum eine überraschende Art und Weise, Buch, Buchmaterial und Buchstaben, Visualisierung und Interpretation zu verbinden: zu verdichten.
Für „Les Fleurs du Mal“ zerschneidet Wüthrich ruchlos mit einer Schere die Seiten von Baudelaires verruchtem Gedichtzyklus Les fleurs du mal, Inbegriff der Dekadenz und der Modernität. Zeile um Zeile fallen die Schnipsel des Ganzen auseinander, buchstabengenau. Wüthrich seziert das Werk wie es auch ein Philologe tut. Allerdings ist das Resultat hier eine Interpretation, die nicht wiederum in Sprache mündet, sondern in Bildern. Poetische Bilder werden zu Bildern der Poesie.

Seit alters nennt man diese Bildgattung „Figurengedichte“. Besonders im Zeitalter des Barocks schätzten und pflegten gelehrte Dichter diese spielerische Form, in der die durch Buchstaben „gezeichnete“ Form den Inhalt visualisiert; Sprache und Bild bilden so eine unzertrennliche Einheit. Auch die auf Baudelaire folgenden, ebenso „bösen“, ebenso modernen Dichtergenerationen verwandelten Sprache in Bild, so etwa Stephane Mallarmé in seinem Zyklus Un coup de Dés jamais n'abolira le Hasard oder auch Guillaume Apollinaire mit seinen „Calligrammes“, später die Dadaisten und Vertreter der Konkreten Poesie.
Baudelaires Werk hat Künstler immer auch direkt inspiriert. Diese illustrierten die allgemeinen Ideen und Spleens von Baudelaire, wie etwa der lüstern-misogyne Félicien Rops mit dem Titelblatt zu Les Epaves. Andere verbildlichten einzelne Gedichte wie der mystisch-symbolistische Maler und Zeichner Odilon Redon, Auguste Rodin, Georges Rouault oder Henri Matisse.

„Les Fleurs du Mal“ von Peter Wüthrich zeigen sich jedoch als eigenes Genre. Es sind im strengen Wortsinn keine Figurengedichte. Denn der Text ist auf den Schnipseln nur fragmentarisch lesbar. Wer sich in die Buchstaben vertieft, wird einzelne Wörter, kleinere Gedicht-Passagen vielleicht, aber nie das Ganze lesen können. Im Vordergrund steht die Figuration, das Bild, das sichtbar aus Textbausteinen besteht, die wiederum eine Baudelaire’sche Atmosphäre schaffen. Die Bildmotive selbst nehmen diese Atmosphäre in freien Assoziationen auf – ohne auf spezifisch identifizierbare Gedichte zu rekurrieren.
Derart kunstvoll verschränkt Wüthrich die Buch-Dinge. Nicht genug: Die Text-Zeichnungen sind zusätzlich auf der Innenseite von Buchumschlägen collagiert. Ein Teil eines Buches also wird zum physischen Träger von Bildern, die durch ein Buch inspiriert sind. Dabei könnten die Materialien billiger nicht sein: ausrangierte Buchdeckel und zerschnittene Buchseiten, die aus den wunderbar-wohlfeilen französischen Taschenbuchausgaben herausgeschnitten sind. Es sind Buchausgaben, die in Brockenstuben nur darauf warten, für einige wenige Franken verkauft – oder schon bald in die Altpapiersammlung geworfen zu werden.

Es bleibt der letzte Satz. Denn auch letzte Sätze aus der Weltliteratur sammelt Wüthrich. Ich denke, am Schluss eines Textes über Wüthrichs Kunstwerke könnte der folgende Satz Sinn machen: «Wenn man nur wüsste, wenn man nur wüsste.» (Anton Tschechov: Drei Schwestern)

Konrad Tobler Dezember 2020