Galerie Gisèle Linder
Galerie Gisèle Linder GmbH
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Christoph Eisenring – Gleichzeitger Raum
Basel, 3.11.18 - 8.1.19


Christoph Eisenring geht in seiner künstlerischen Arbeit stets vom Faktischen aus. Der Künstler interessiert sich für die spezifischen Grundbedingungen eines Kunstwerks und untersucht diese auf präzise und vielschichtige Weise. Sein Interesse gilt gleichsam den formalen Elementen eines Bildes wie auch dessen zeitlichen, räumlichen und inhaltlichen Aspekten. Form und Inhalt werden ineinander verschränkt und durch seine Art der Befragung eines Werkes legt er häufig sein Augenmerk auf die Aussenränder, auf die Grenze des Sichtbaren. Eisenring zwingt den Betrachter seinen Blick zu schärfen und schliesst gleichzeitig diesen selbst in seine künstlerische Befragung mit ein.

In seiner dritten Ausstellung in der Galerie Gisèle Linder zeigt Eisenring eine Installation mit dem Titel Gleichzeitiger Raum. In Schaufensternähe sind rund 200 zerschlagene Sanduhren rasterförmig positioniert. Den Stundengläsern wurde der Inhalt entfernt. Der fehlende Sand, der einst dafür da war Zeit visuell sichtbar zu machen und diese zu messen – ist stattdessen an die Innenseite des Schaufensters der Galerie appliziert. Diese materielle Verschiebung nimmt beidem ihre natürliche Funktion. Die Uhr ist quasi zum Stehen gekommen und ist nunmehr ein dünnwandiges – rein ästhetisches – Glasobjekt geworden. Die heftige Destruktion ist den einzelnen scharfkantigen Elementen zwar unmittelbar anzusehen, dennoch oder vielleicht gerade deshalb wirken die Objekte äusserst fragil. Nähert man sich der Galerie von der Strasse herkommend, so hemmen die beschichteten Schaufenster den Weitblick ins Innere der Galerie. Man bleibt stattdessen mit dem Blick an der Oberfläche haften. Die Glasscheiben wirken als Grenzlinie zwischen Aussen und Innen. Der Raum und seine Grenzen werden akzentuiert, der Grundriss der Ausstellungsfläche wird im Rauminnern „gezeichnet“. Zudem verweist das mit Quarzsand beschichtete Glas auf seine eigene Materialität – das Ausgangsmaterial der Fensterscheiben wird enthüllt. Die Aufdoppelung des Rohstoffes bewirkt zudem, dass das Licht an der rauen Oberfläche bricht und den Raum in ein samtig weiches Licht tauchen lässt. Dies vermag die Betrachterin in einen schwerelosen und diffusen Zustand zu versetzen, der manche als zeitlos formulieren würden. Auf der Terrasse der Galerie ist ferner eine Fotografie einer Sanduhr zu sehen, wobei das Motiv auf den Kopf gestellt ist. Es scheint just der Moment eingefroren, in dem die Sanduhr umgedreht wurde, und die Zeit zu messen beginnt. Der Betrachter ist versucht, gedanklich den dynamischen Prozess, der von der Gravitation in Gang gesetzt wird weiterzudenken oder aber er begreift das gezeigte Bild als ein Objekt mit den ihm eigenen Gesetzmässigkeiten.

Gleichzeitiger Raum ist eine vielschichtige visuelle Befragung von Form, Funktion, Zeit und Raum. Die Arbeit ist wie oft in Eisenrings künstlerischer Praxis radikal angelegt. Scheinbare Gegensätze werden miteinander verschränkt und treten als gleichzeitige Phänomene auf. Eisenring lässt im Werk immer das „sowohl als auch“ gelten. Diese paradoxen Eigenschaften lassen visuell und intellektuell einen anspruchsvollen und reizvollen Diskurs entstehen, der über den Raum hinausgetragen werden kann.

Simona Ciucco, November 2018


Nicole Miescher
Siberia – at the Eternal Edge of the World.
3 Nov 2018 – 8 Jan 2019

“In general,” remarked Fyodor Dostoevsky in the 1850s, in his Notes from the House of the Dead, “it’s a blessed land. And in Siberia they know how to use it.” This marks the conclusion of a Romantic-sounding description of this vast landscape, which covers an area larger than China and makes up almost three quarters of the Russian state’s territory. A largely opposite image of Siberia prevails in the West: tsarist and Soviet prison and labour camps, banished political opponents, icy cold, barren landscapes, the end of Europe. Basel-based artist Nicole Miescher travelled to Siberia in the mid-1990s, five years after the collapse of the Soviet Union, and recorded her impressions and observations. In the frigid cold of Angarsk and Lake Baikal, she traced the character of the snow-covered landscape and its inhabitants: empty streets, isolated cars, abandoned football pitches on the ice-covered Lake Baikal, biting winds, cold, loneliness, deprivation. What emerges is certainly not the impression of a “blessed land” like that written about by Dostoevsky in the 19th century, but it is not one of hopeless forsakenness either. The photographic compositions, which are based on rapid decisions, possess an unmistakable style. On the one hand, they are a document; on the other hand, however, their poetic stillness also makes them an expression of vulnerability and fragility. The photographs possess an immediacy and an elemental quality, and they embody a timelessness and an eternal aesthetic. For the sake of an authentic rendering of the works’ character, the decision was made to mount the prints on sheets of newspaper. The exhibition at Gisèle Linder’s gallery is showing the photographs as a group for the first time.

Dominik Müller
Translation : Michael Wetzel
October 2018